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Die Radikale Mitte

Mach mal nicht so ein Theater!

Auf der Bühne des Berliner Ensembles steht Sina Martens in einem feuerroten Einteiler und hält eine Rede. Mit bebender Stimme erzählt sie von ihren Katzen Samuel und Gesine, von Rotkohl und Sauerkraut, vom Paradies und von Krebs. Krebs, der in unseren Eingeweiden explodiert. Zwischen, nein, in jeder Zeile steckt - eingezwängt - die grenzenlose Angst vor dem Tod, die Unzufriedenheit mit der Welt, die narzisstische Krise unserer postmodernen Zeit. „Wer will uns noch drohen, uns aus dem Paradies zu vertreiben, WIR SIND DA JA GAR NICHT!“, schreit die Darstellerin. Was ist zu tun? Wolfram Lotz, Autor des Textes, lässt seine Figur prophetisch die Lösung verkünden für diese Sinnkrise, unaufregend konform, dem aktuellen Zeitgeist entsprechend: Das Unmögliche Theater!


Stimmen aus einem leeren Theater. Das Video findet man unter https://www.berliner-ensemble.de/stimmen-aus-einem-leeren-theater oder https://vimeo.com/418373235.

„Was haben wir zu fordern in unseren Theaterstücken: Dass die Bäume blühen im Winter, dass die Bombe implodiert, dass das Sterben nicht mehr gilt, man uns das nicht mehr nimmt, was uns das Einzige ist: Unser Leben. Brüder und Schwestern, das Unmögliche Theater ist möglich!“ Was dem Zuschauer da kredenzt wird, kondensiert auf ein paar wohlklingende Zeilen, ist die infantile Utopie der Postmoderne. Was steht ihr im Wege? Das Unmögliche Theater weiß es nur zu gut, und brüllt: „Die Wirklichkeit ist ein löchriger Schuh, den wir uns so nicht anziehen werden! Die Fiktion muss die Realität bestimmen!“ Wort um Wort flieht sich die Darstellerin in ihren selbstgewählten Wahn, kreiert sie eine Welt, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun haben möchte. Die Verleugnung der Wirklichkeit als höchstes Ziel des Theaters? Das Höhlengleichnis Platons rückwärts gedacht. Über die Zuschauerbänke kletternd fordert die Prophetin: „Kommt mit ins Abenteuerland, ihr Pimmelschwäne. Glaubt und folgt mir. Mein Wahn soll euer aller Wahn sein.“ Die Megalomanie der Katzenmamas dieser Welt. „Es gibt keinen Grund, mir das zu glauben, also tut es trotzdem! So ist es! So ist es nicht!“ Die Postmoderne liebt es, sich in Paradoxa zu verlieren, um schließlich für nichts haftbar zu sein. „Ihr Würstchenpeter des Bestehenden, brauchen wir die Wirklichkeit wirklich?“ Das Unmögliche Theater glaubt es einfach nicht. Nicht aus Mangel an Vorstellungskraft. Aus Trotz! Denn dies ist das entscheidende, das alles entscheidende Credo des Unmöglichen Theaters, sein postmodernes Mantra, das es aufsagen wird wie ein unbegabtes Schulkind, bis es daran zugrunde geht: Ich will nicht wissen, ich will nicht verstehen, ich möchte träumen und dabei hässlich und fahrig sein. Ätsch.


Ich stelle mir vor: Eine Zuschauerinx sitzt im Publikum. Solide Mittelschicht. Mit ihren eigenen Ängsten und Sorgen. Sie konsumiert gierig das Rauschgift der vollkommenden Fiktion und Absurdität, und wenn der samtrote Vorhang fällt und der letzte klatschende Zuschauer verstummt ist, schleicht sich im besten Falle doch die Realität wieder zurück in ihren traumtanzenden Kopf, wie eine Katze, die leise ihre Krallen ausfährt und an dem Kartenhaus kratzt, das das Unmögliche Theater für sie gebaut hat. Kein Rausch ohne Kater. Kein Wahn ohne Katzen. Doch was, wenn nicht? Wenn die Zuschauerin wirklich glaubt und nicht zu glauben aufhört, was sie dort sieht? Wenn nur einige wenige intellektuelle Eliten in der Lage sind, die dargestellte Parodie auf den postmodernen Menschen zu erkennen? Das Unmögliches Theater – nur für Verrückte – Eintritt kostet den Verstand. Nicht für jedermann.


Was ist meine Vision für das Theater der Zukunft? Es braucht ein neues Theater, das sich emanzipiert von den verqueren Gedanken unserer Zeit. Es muss ein Theater sein, das in seiner Blase nicht schwerelos davon schwebt, sondern Platz schafft, auch für die weniger Privilegierten. Es darf nicht verkümmern zu einem Raum der Utopie - zu einem „Nicht Ort“ - sondern es muss suchen nach einer eutopischen Welt, die möglich ist. Wir müssen uns unserer Verantwortung stellen, als mündige Schauspieler Vorbild zu sein für einen realistischen und gangbaren Weg in eine bessere Zukunft. Das neue Theater darf nicht feige sein, sondern muss sich angreifbar machen, indem es klare Aussagen trifft und sich festlegt. Indem es die Wirklichkeit nicht verleumdet, sondern involviert. Theater, wieder für jedermann! Oder wenigstens für Viele. Die Rede ist vom Möglichen Theater!

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